In einer Zeit, in der die Digitalisierung traditionelle Grenzen überschreitet, führt uns Christoph Lütke-Stetzkamp, Kurator des Museum of Art, in die immersiven Gänge eines virtuellen Kunstraums. Seine Plattform verknüpft Kunst mit digitaler Technologie und fördert gleichzeitig ein Universum des künstlerischen Austauschs, das Kulturen und Ideen miteinander verbindet. Mit einer stetig wachsenden Anzahl von aktuell rund 500 Ausstellungen zeichnet sich das Museum insbesondere durch sein Engagement aus, Künstler:innen aus der ganzen Welt eine Plattform zu bieten, auf der sie – unabhängig von ihrem Standort – gesehen und wertgeschätzt werden können.
Christoph, wie ist die Idee für das Museum of Art entstanden, und was hat dich persönlich dazu bewogen, diesen Weg zu beschreiten? Wie und wann wurde das digitale Museum of Art geboren?
Die ursprüngliche Idee, das Internet für ein virtuelles Museum zu nutzen, ist bereits im Jahr 2000 entstanden. Es war der Wunsch, die neuen Möglichkeiten des Internets mit unserem Kunstinteresse zu verknüpfen und vor allem mit der Ambition, Menschen zusammenzubringen und einen Zugang zur Kunst zu schaffen. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, seine Kunst in einem Museum zu zeigen. Wir haben dann in den ersten Jahren sehr viel Zeit mit Handarbeit verbracht, Ausstellungen für Künstler:innen zu bauen. Vor zehn Jahren haben wir dann alles umgestellt, damit alle Künstler:innen ganz einfach selbst ihre eigenen Ausstellungen gestalten können. Und zwar so, wie man sie am liebsten zeigen möchte. So hat sich das Museum ständig weiterentwickelt.
Inwiefern unterscheidet sich das virtuelle Museumserlebnis von einem physischen, und wie erhält das Museum of Art die Authentizität des Kunsterlebnisses aufrecht?
Das ist vielleicht so wie ein Fußballspiel im Stadion zu sehen oder im Fernsehen. Beides hat was auf seine Art. Was die Authentizität betrifft, haben wir von Anfang an darauf gesetzt, eine möglichst realitätsnahe Umgebung für den Museumsbesuch zu schaffen. Mit Eingangshallen, in denen wechselnde Besucher:innen stehen, mit Plakaten zu den Ausstellungen oder auch Bildern an der Wand wie bei einem echten Museumsbesuch. Eine Umgebung, bei der nicht das Gebäude oder technischer Schnickschnack im Vordergrund stehen, sondern die Kunst und das Kunsterlebnis. Natürlich ist es nur virtuell. Einen echten Kaffee nach dem Museumsbesuch kann man bei uns nicht bestellen. Es ist Ansichtssache, inwieweit man sich darauf einlassen möchte. Nicht jede oder jeder kann oder möchte das nächste Fußballspiel im Stadion sehen. Aber im Fernsehen ist es auch schön.
Wie wählt das Museum Künstler:innen für die „kuratierte Auswahl“ in den Eingangshallen aus? Gibt es bestimmte Kriterien oder einen Prozess? Wie oft wechseln die Ausstellungen und können Künstler:innen sich dafür bewerben?
Um es klar zu sagen, alle Künstler:innen im Museum of Art erhalten ihren eigenen festen und dauerhaften Ausstellungsraum, in dem sie ihre Kunst zeigen können und dort für Besucher:innen jederzeit besuchbar sind. Das ist das Grundprinzip und jede und jeder ist eingeladen, dabei zu sein. Das gilt auch für Sammler:innen.
In unseren Eingangshallen können wir nur eine Auswahl zeigen. Das Hauptkriterium ist, unseren Besucher:innen aus dem vielfältigen Spektrum eine möglichst spannende und interessante Auswahl guter Kunst zu bieten. Wir sehen sehr viel Kunst und fantastische Entwicklungen aus der ganzen Welt und es macht Freude, Künstler:innen auszuwählen und sie unserem Publikum zu zeigen. Als Besucher tue ich mich manchmal schwer mit Kunstseiten mit Tausenden von Namen, von denen ich mir aber kein Bild machen kann. Da ist eine Auswahl schon wichtig. Auch gerne mit einem schönen Plakat als Appetizer.
Wir schauen uns jede einzelne Ausstellung an und entscheiden dann in unserem Kuratorium, welche wir in unseren Eingangshallen zeigen. Und natürlich laden wir auch selbst Künstler:innen aus der ganzen Welt ein, wenn wir von ihrer Kunst überzeugt sind.
Alle, die eine Ausstellung im Museum of Art anlegen, „bewerben“ sich automatisch für die Eingangshallen. Aber um es noch einmal zu sagen, alle Ausstellungen sind wertvoll und willkommen, wenn jemand Kunst in einem Museum zeigen möchte.
Wie fördert das Museum den Austausch von Kulturen und Ideen durch Kunst?
Ein virtuelles Museum kann Dinge für Künstler:innen und Besucher:innen zugänglich machen, die sonst schwerer zu realisieren wären. Nicht jeder hat die Möglichkeit, nach Tokyo zu fliegen, um sich die Werke eines aktuellen japanischen Künstlers anzusehen. Oder nach Nigeria in einen Vorort von Lagos. Und der Künstler hätte keine Möglichkeit, seine Werke der Welt zu zeigen. Die Welt im Internet kann das verbinden, zugänglich und erlebbar machen. Und das auf bequeme und unkomplizierte Weise.
Im Museum of Art sind Künstler:innen aus der ganzen Welt aller Stilrichtungen und Genres vereint. Kunst ist der Ausdruck des Denkens, des Empfindens und des Erlebens der eigenen Seele in der Welt, in der man ist. Und Ausdruck der eigenen Kultur und Persönlichkeit. Sowie die Kommunikation dessen. Im Endeffekt lernt man nicht Kunst, sondern Menschen kennen. Menschen, die ihre Seele offenbaren. Künstler:innen und Besucher:innen lernen sich kennen, ebenso Kunstschaffende untereinander. Da spiegelt sich die Welt in ihrem Wesen wider. Diesen Austausch unterstützen wir.
Was ist dein persönliches Highlight oder eine besondere Entdeckung, die du im Laufe deiner Tätigkeit im Museum gemacht hast?
Oh, da gibt es viele Highlights! Ehrlich gesagt ist jede neue Ausstellung für mich ein Highlight. Man sieht etwas Neues und ein Mensch offenbart seine Seele. Es ist natürlich auch immer faszinierend, Künstler:innen persönlich kennenzulernen oder sie in ihrem Atelier zu besuchen. Und es macht Freude, Top Künstler:innen auszustellen, die es sehr schätzen, im Museum of Art dabei zu sein. Jedes Feedback ist ein Highlight.
Besonders sind auch die Erlebnisse, jemanden zu entdecken. Wir haben zum Beispiel einmal vor vielen Jahren eine Ausstellung mit einem Straßenkünstler aus London gemacht, der jeden Tag ein Bild auf einen Pappkarton gemalt hat. Ein paar Jahre später erzielten seine Bilder Höchstpreise. Es ist schön, solche Entwicklungen zu sehen. Von solchen Geschichten gibt es viele.
Mich persönlich berührt es auch, wenn Künstler:innen ihr Lebenswerk als Erbe im Museum of Art hinterlassen. Wir hatten letztens einen älteren Herrn, der einfach glücklich war, seine Bilder sozusagen der Nachwelt in einer Ausstellung zu hinterlassen. Er hatte sonst keine Möglichkeit dazu. So lebt er ewig weiter.
Wie siehst du die Rolle von Technologie in der Zukunft der Kunst, insbesondere in Bezug auf Künstliche Intelligenz und erweiterte Realität?
Das betrifft die Kunst als solche, aber natürlich auch die Art der Präsentation, der Kommunikation und Vermarktung von Kunst. Was die Kunst betrifft, verändert KI unsere Wahrnehmung und damit unsere gefühlte Realität. Es sind Bilder möglich, die früher noch undenkbar waren. Bei allen berechtigten Bedenken einer KI-basierten Bildgestaltung erweitert sie doch unseren Horizont und sollte willkommen sein. Wir haben aktuell zwei Ausstellungen, deren Bilder KI-generiert sind. Ich finde sie großartig. Beispielsweise zu sehen, wie Amsterdam aussähe, wenn Gaudi dort gelebt und gewirkt hätte, ist doch fantastisch.
Und vielleicht laufen wir bald alle mit einer 3D Brille durch Museumsgebäude oder Ateliers, die es gar nicht gibt und sehen Kunstwerke, die es nicht gibt, und hören Kuratoren zu, die es ebenfalls nicht gibt. Warum eigentlich nicht? Man muss sich nur bewusst machen, was hier passiert. Wichtig ist dabei für mich auch, dass eine Technik oder ein Instrument nicht zum Selbstzweck eingesetzt wird, sondern am Ende das Erlebnis steigert. Und das bleibt immer subjektiv.
Habt ihr jemals in Erwägung gezogen, physische oder hybride Veranstaltungen in Verbindung mit dem Online-Museum zu organisieren?
Gedanklich haben wir schon viele Ideen organisiert, aber das ist in vielen Bereichen eine ganz andere Tätigkeit, die Räumlichkeiten und entsprechende Ressourcen erfordert. Perspektivisch können wir uns aber durchaus gemeinsame Projekte mit z.B. Galerien oder anderen Institutionen vorstellen.
Was bedeutet „Kunst ist Freiheit“ für dich persönlich, und wie spiegelt sich das in der Mission und dem Betrieb des Museums wider?
Ein weites Feld. Kunst ist Freiheit bedeutet für mich zum einen natürlich, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, seine eigene Kunst zu schaffen und diese zu zeigen. Unabhängig von Herkunft, finanziellen Möglichkeiten oder der Beurteilung durch Dritte. Wie sagte Joseph Beuys? „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Das ist eine Hommage an das Bewusstsein für die schöpferische Kraft, die im eigenen Denken eines jeden Menschen begründet liegt. Diese Freiheit ist essentiell. Kunst ist ein Spiegel der Seele. Das hat mit dem Respekt vor jedem Individuum zu tun, das per se wertvoll ist.
Freiheit bedeutet, keinerlei Einschränkungen und gedanklichen Schubladen im Hinblick auf die Art und Ausdrucksweise von Kunst zu haben und Kunst als Ausdruck und Kommunikation des menschlichen Seins und der Freiheit der Gestaltung des eigenen Lebens zu verstehen. Deshalb sind wir auch das Museum of Art und nicht das Museum of „irgendwas“ Art.
Es gibt viel hervorragende Kunst, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht den Weg in die Welt der Galerien findet, wie im realen Leben nicht jede Person die Möglichkeit hat, in der Gesellschaft mitzuspielen. Und wie heute unsere Gesellschaft schnell über gut und schlecht, richtig und falsch urteilt, Klicks und Likes gezählt werden und Lautstärke wichtiger ist als Inhalte, davon kann man sich befreien. Für mich hat alles ein Existenzrecht und eine Würde. Es ist wundervoll, frei und unabhängig vom gesamten Kunstmarkt zu agieren. Wenn wir entscheiden, dass zum Beispiel ein nigerianischer Straßenmaler gut ist, dann zeigen wir ihn für eine Zeit ganz vorne im Museum.
Künstlerinnen und Künstler können im Museum in wenigen Klicks ihre eigenen Ausstellungen verwirklichen – ohne technisches Know-How, Kosten oder Kommissionsgebühren. Welchen Rat würdest du Künstler:innen geben, die vielleicht noch zögern, ihre Werke digital auszustellen?
Einfach machen! Es macht Spaß und es ist eine Bereicherung.
Abschließend, welche langfristige Vision hast du für das Museum of Art und was sind deine Pläne für seine Weiterentwicklung?
Das Museum of Art als DIE Plattform für Kunst zu etablieren und die ganze Welt der Kunst in einem Museum für alle Menschen, die ihre Kunst in einem Museum zeigen möchten, zu vereinen und zugänglich zu machen. Ein nicht reglementierter, wachsender Fundus an Künstler:innen und Aussteller:innen. Und für alle Besucher:innen, die gerne gute Kunst sehen möchten.
Wir werden oft nach unserem „Geschäftsmodell“ gefragt, weil es ja nichts kostet. Nun ja, es gibt keins. Wir betrieben das Museum nur aus Freude. Wir lieben es, großartige Kunst aus der ganzen Welt auszustellen und wundervolle Menschen kennenzulernen. Insofern ist unsere Vision schon erfüllt. Und das kann gerne so bleiben. Es gibt natürlich eine ständige Liste an Weiterentwicklungen – technischer, prozessualer, funktionaler, kommunikativer oder persönlicher Art. Es bleibt nie stehen. Schauen wir mal, wie die Reise weitergeht. Wer Lust hat, kann gerne mitreisen.
Lieber Christoph, vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke!
Oktober I 2023
