Zwischen Feldern, Wäldern und Weite, nur eine halbe Stunde von der Ostsee entfernt, steht in Steinfurth ein Ort, der das ländliche Leben mit zeitgenössischer Kunst, Musik und Begegnung verbindet: das Kulturhaus Steinfurth.
Geleitet von Künstler Mathias Bartoszewski und seiner Frau Elisa, ist aus einem ehemaligen Dorfkulturhaus ein lebendiges Zentrum für Residenzen, Performances und kreatives Schaffen entstanden. Hier trifft meditative Stille auf Performancekunst, Gemeinschaft auf Rückzug – und aus der Natur wird Inspiration.
Im Gespräch erzählt Mathias von der Geschichte des Hauses, seiner Vision und den Fragen, die Kunst und Leben hier täglich verbinden.
Magst du dich – für alle, die dich noch nicht kennen – kurz vorstellen?
Ich bin Mathias Bartoszewski, Künstler und Gastgeber – und gemeinsam mit meiner Frau Elisa der Initiator des Kulturhauses Steinfurth. Nach Jahren in Städten und an verschiedenen Kunstorten hat es uns bewusst hierher gezogen, um einen Ort zu schaffen, der Kunst, Stille und Gemeinschaft auf eine natürliche Weise verbindet.
Wie würdest du das Kulturhaus in drei Worten beschreiben?
Offen. Still. Lebendig. Ein Biotop für Kreativität und Lebensfreude
2011 habt ihr das Haus gekauft – Was hat dich und Elisa damals dazu bewegt, genau hier etwas Neues zu beginnen? Welche Vision habt ihr für diesen Ort?
Es war ein Bauchgefühl – und eine gewisse Sehnsucht. Wir wollten keinen klassischen Kunstort schaffen, sondern einen Raum, der durch seine Lage und Geschichte selbst mitredet. Unsere Vision war ein Ort, an dem sich Kunst nicht behaupten muss, sondern entstehen darf. Frei von Druck, nah an der Natur und offen für das Ungeplante.
Was war das Erste, was ihr in diesem Haus verändert oder neu gedacht habt – was von seiner Geschichte habt ihr bewusst erhalten? Wie hat sich die Idee vom Kulturhaus im Laufe der Zeit entwickelt?
Wir haben viel erhalten: die Dielen im alten Tanzsaal, die Fenster, die Geschichten, die hier schlummern. Aber wir haben das Haus entkernt von dem, was es blockiert hat – nicht nur baulich. Der Raum sollte wieder atmen können. Anfangs dachten wir eher an ein Atelierhaus – heute ist es ein Ort für Residenzen, Performances, Stille, Dialog. Die Idee wächst mit den Menschen, die hierherkommen.
Was hat dieser Ort, was andere nicht haben? Ist das Haus für dich eher Bühne, Atelier oder Resonanzkörper?
Ganz klar: Resonanzkörper. Die Natur außen wie innen spielt mit. Es ist ein Ort, der zuhört. Wer hierherkommt, merkt schnell: man muss nichts leisten – aber vieles wird möglich, wenn man sich einlässt.
Welche Rolle spielen Langsamkeit, Rückzug und Konzentration im künstlerischen Prozess hier?
Eine zentrale. Die Langsamkeit ist nicht unser Ziel – sie ist die Voraussetzung. Rückzug ist hier kein Entweder-oder zur Begegnung, sondern ihr Nährboden. Viele finden hier erst einmal zu sich zurück – bevor etwas Neues entstehen kann.
Das Kulturhaus hat etwas Zeitloses – aber gleichzeitig passiert so viel Neues. Wie hältst du beides in Balance?
Ich glaube, die Zeitlosigkeit entsteht durch die Ruhe. Und das Neue kommt durch die Menschen, die wir einladen. Wir versuchen, nicht zu kuratieren, sondern zu ermöglichen. Das Haus gibt den Takt vor, nicht wir.
Wie sieht ein ganz normaler Tag im Kulturhaus aus – falls es sowas überhaupt gibt?
Normal gibt’s hier selten. Aber oft beginnt der Tag still – mit Tee, Wald oder Schreiben. Dann verschwimmen die Grenzen: Atelier wird Küche, Bühne wird Garten, Spaziergang wird Recherche. Und manchmal endet der Tag mit einem improvisierten Konzert oder einem Gespräch bis tief in die Nacht.
Was erwartet Künstler:innen, die zu euch kommen – was dürfen sie erwarten, was nicht? Welche Möglichkeiten bieten der Ort und die Räumlichkeiten?
Sie dürfen Ruhe erwarten, Freiheit und Aufmerksamkeit. Was sie nicht erwarten sollten: fertige Formate oder Vorgaben. Der Ort bietet viel Raum – auch wörtlich: Probenräume, ein großer Saal, ein Atelier, Gästezimmer, weite Wiesen, Wald hinterm Haus. Aber vor allem: Zeit und Offenheit.
Gibt es einen Raum im Haus, den du besonders liebst? Warum?
Ja, den alten Tanzsaal mit einem traumhaften Ausblick auf die Ochsenkoppel. Er knarzt, er lebt. Dort spürt man die Vergangenheit und gleichzeitig die Kraft, die in ihm schlummert. Jedes Geräusch hallt nach – das ist manchmal fast magisch.
Was bedeutet „Residenz“ bei euch – und was macht euren Ansatz besonders?
Für uns ist Residenz kein Produktionsformat, sondern ein Möglichkeitsraum. Künstler:innen können einfach sein. Ob sie etwas schaffen oder nicht – das ist zweitrangig. Wichtig ist, dass sie mit sich und dem Ort in Resonanz treten.
Wie wählt ihr aus, welche Künstler:innen kommen? Oder finden sie euch?
Beides. Viele schreiben uns, manche werden empfohlen. Uns interessiert nicht primär das Portfolio, sondern die Haltung. Wie jemand zuhört, wie jemand fragt. Das ist oft entscheidender als Vita oder Projektbeschreibung.
Du hast selbst einen künstlerischen Hintergrund – wie fließt das in die Betreuung der Gäste ein?
Ich weiß, wie es ist, zwischen Zweifel und Inspiration zu pendeln. Ich versuche, präsent zu sein, ohne zu stören. Manchmal reicht ein Gespräch am Feuer, ein stiller Blick durchs Fenster. Wir verstehen uns eher als Gastgeber denn als Förderer.
Welcher Gedanke soll den Besucher:innen beim Verlassen im Kopf bleiben?
„Ich bin anders gegangen, als ich gekommen bin.“ – mehr muss es gar nicht sein.
Welche Rolle spielt die Dorfgemeinschaft oder das Umfeld? Was braucht der ländliche Raum deiner Meinung nach, um kulturell lebendig zu bleiben?
Wir haben das große Glück, dass viele Nachbar:innen neugierig sind. Kinder aus dem Dorf kommen zu unseren Aufführungen, ältere Bewohner:innen erzählen uns Geschichten von früher. Der ländliche Raum braucht keine Eventkultur – er braucht Begegnung auf Augenhöhe, Offenheit und Orte, die nicht überfordern, sondern einladen.
Was würdest du dir wünschen – mehr Publikum, mehr Rückzug, mehr Austausch?
Ich wünsche mir gute Fragen – und Menschen, die sich auf sie einlassen. Alles andere ergibt sich daraus.
Welche Pläne habt ihr für die kommenden Jahre? Was ist dein größter Traum für diesen Ort?
Wir wollen wachsen, ohne laut zu werden. Vielleicht entsteht noch ein kleiner Pavillon am Waldrand zum Meditieren. Vielleicht ein gemeinschaftlicher Garten. Mein größter Traum? Dass das Haus bleibt, was es ist – ein Ort, der atmet.
Vielen Dank für das Gespräch!
Danke dir. Und allen, die zuhören.
Kulturhaus Steinfurth
Steinfurth 15 , 17495 Karlsburg Deutschland
Website: kulturhaus-steinfurth.de
Instagram: @kulturhaussteinfurth
Juni I 2025
