Artist Spotlight – im Gespräch mit Verena Wyss

Die facettenreiche Welt der Kunst wird durch zahlreiche Künstler:innen bereichert, die durch ihre einzigartige Vision und unermüdliche Leidenschaft Neuland betreten und uns tiefgreifende Einblicke in ihre Innerlichkeit bieten. Eine solche Künstlerin ist Verena Wyss. In der Schweiz ansässig, hat Verena ihre farbenfrohen, leidenschaftlichen Gemälde seit über 20 Jahren geschaffen und sich dabei von ihrem inneren Feuer und ihrer unersättlichen Neugier leiten lassen. 

Statt sich auf konventionelle Darstellungen zu konzentrieren, erforscht sie den Raum, der sich in den Spannungen und Harmonien von Farbschichten, Transparenz und Opazität entfaltet. Ihre Gemälde, gekennzeichnet durch Acrylfarben, Tusche und neuerdings auch das Experimentieren mit Ölfarben, stellen nicht nur Formen und Räume dar, sondern sind sinnbildlich für Verenas tiefgreifende Reflektion und ständige Infragestellung. Heute blicken wir tiefer in Verenas Welt, die von führenden Dozenten wie Andrea Rozorea und Angelika Sieger beeinflusst wurde.

Verena, wie bist du eigentlich zur Malerei gekommen? Was hat den Funken in dir gezündet?

Ich fand relativ spät zur Malerei, ich war 28 Jahre alt, als ich das erste Mal überhaupt einen Malkurs besucht habe. In der Schule fühlte ich, dass der Kunstunterricht nicht für mich gedacht war. Es schien, als könnte ich nichts wirklich hinbekommen.

Bis heute ist die Malerei für mich eine andauernde Lebensschule. Geduld, genügend Zeit, um das Gemalte zu betrachten, immer wieder… Das sind herausfordernde Lektionen für mich.

Du sprichst von deiner „Wahrnehmung des Inneren sowie Äußeren der Welt„, die die Grundlage deiner malerischen Arbeit ausmacht. Kannst du uns das ein bisschen näher bringen?

Ja, meine Wahrnehmung des Inneren sowie Äußeren der Welt bildet tatsächlich die Grundlage meiner Malerei. Meine Malerei ist bewegt und soll bewegen. Die Linie führt, ich arbeite gestisch und lasse den Pinsel zum Rhythmus einer Musik, die nur ich hören kann, über Leinwand oder Papier tanzen. Dabei beziehe ich meine Inspiration vom Thunersee, der Landschaft meiner Heimat. Die Natur, im Wechsel des Lichts, des Wetters und der Jahreszeiten, setzt in mir Gefühle und Impulse frei. Ich male nicht das, was ich sehe, sondern das, was ich beim Schauen und Wahrnehmen empfinde.

Deine Kunstwerke sehen so aus, als stecke eine Menge Arbeit, Zeit, aber auch Experimentieren dahinter. Wie läuft so ein kreativer Prozess bei dir ab?

Der Prozess ist wortwörtlich vielschichtig. Ich beginne skizzenhaft direkt auf dem Bildträger. Mit jeder Farbschicht, die ich setze, wächst mein Bild aus der spontanen Skizze heraus. Dieser Prozess bedeutet nicht Zerstörung, sondern Entwicklung. Tieferliegende Farbschichten sind zwar nicht mehr offensichtlich, aber sie bilden die Basis für den Charakter des Werks. Es kann oft Wochen oder Monate dauern, bis ein Werk wirklich endgültig abgeschlossen ist.

Du gibst deinen Werken keine Titel. Warum eigentlich?

Ich verzichte bewusst auf Titel für meine Werke, da ich mich nicht einschränken lassen möchte. Es ist mir wichtig, den Interpretationsspielraum offen zu lassen, da die Themen, die ich malerisch umsetze, so vielseitig sind und ebenso vieles zulassen.

Was sind deine stärksten Inspirationsquellen oder Einflüsse deiner Arbeit? Gibt es andere Künstler:innen, die dich inspirieren? 

Die amerikanischen Expressionisten inspirieren mich sehr, insbesondere Joan Mitchell.

Wie hat sich dein Stil im Laufe der Jahre entwickelt?

Die Anfänge meiner Malerei waren geprägt von intuitivem Malen und spontanem Experimentieren. Heute male ich mit einem klaren Thema im Kopf. Die Kunst liegt darin, die Kopfentscheidung mit dem Bauchgefühl umzusetzen, und das ist ein schmaler Weg.

Du gibst ja auch Kunstkurse. Was möchtest du deinen Schüler:innen am meisten vermitteln?

Ich möchte, dass meine Schüler:innen ihren eigenen Stil entwickeln können. Sie sollten den Mut und die Ausdauer haben, sich ernsthaft mit dem, was sie tun, auseinanderzusetzen und keine Angst vor der Leinwand oder dem Papier haben.

Wie gehst du mit kreativen Blockaden um? Hast du Techniken oder Rituale, um dich wieder zu inspirieren oder Hemmungen abzulegen?

Ich habe gelernt, diese Phasen zu akzeptieren, in denen “es nicht malen will”. Es kommt zwar selten vor, aber wenn es passiert, gehe ich Kaffee trinken und genieße einen Erdbeerkuchen. 😊 Oder ich räume das Atelier auf.

Wie wirkt sich die digitale Welt, besonders Instagram, auf dein Leben als Künstlerin aus?

Die digitale Sichtbarkeit ist enorm wichtig. Ich betrachte es als ein großes Netzwerk und auch ein wenig als Inspiration. Allerdings sollte man die Spielregeln einhalten, so poste ich auf meinem Instagram-Account ausschließlich meine Kunst und verzichte auf private Fotos.

Siehst du die digitale Präsenz als notwendig für zeitgenössische Künstler:innen an?

Ja, die digitale Präsenz ist notwendig, aber nicht allein. Es ist auch wichtig, physisch ein gutes Netzwerk zu pflegen, Kunstsammlern zu begegnen und Vernissagen zu besuchen.

Wo siehst du die Zukunft der abstrakten Malerei, besonders in unserer digitalen Zeit?

Wie oft wurde die Malerei schon abgeschrieben? 😉 Ich glaube an ihre Fortdauer. Trotz aller Digitalisierung spüre ich, dass die Menschen ein echtes, physisches Kunstwerk sehen und besitzen wollen. Es könnte eine gute Mischung aus physischen Entwürfen und digitaler Umsetzung entstehen oder sonstige Kombinationen aus Digital und Analog. Daraus entwickelt sich eine neue künstlerische Praxis. Und dann wäre da noch die Frage: Ob ein Kunstwerk wirklich für die Ewigkeit sein muss?  

Was ist deine Vision oder dein Traum für die Zukunft deiner Kunst?

Ich hoffe, mit meiner Kunst weiterhin viele Menschen begeistern zu können. Und ja, ein Mäzen oder eine Mäzenin, das wäre tatsächlich toll. Mein Traum wäre es auch, eine künstlerische Sommerakademie mit anderen talentierten Künstler:innen am Thunersee ins Leben zu rufen.

Vielen Dank liebe Verena!

 

August I 2023