Artist Spotlight – im Gespräch mit Helga Goebel

In der zeitgenössischen Kunst sind es oft die vielschichtigen Biografien und die leidenschaftliche Hingabe, die beeindruckende Werke entstehen lassen. Helga Goebel verkörpert dies auf eindrückliche Weise.  Mit Wurzeln in Hagen in Westfalen, lebt und arbeitet sie heute zwischen Frankfurt am Main, Rosenheim und ihrer Wahlheimat Tirol. Trotz ihrer beruflichen Tätigkeit in verschiedenen internationalen Banken blieb die Kunst stets ein konstanter Gegenpol in ihrem Leben, dem sie sich seit ihrer Pensionierung vollends als freischaffende Künstlerin widmet. Ihre Kunst bewegt sich vorwiegend zwischen zwei Sphären: der Natur und der Mythologie – immer der Mission folgend, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Dabei geht es nicht nur um die Art der Darstellung; es geht um Emotion, Intuition und den Prozess des Schaffens selbst. In diesem Gespräch tauchen wir tiefer in Helgas Welt ein und erfahren mehr über ihre künstlerische Reise und Vision.

Helga, wie hast du zur Malerei gefunden und wann hast du gemerkt, dass die Kunst mehr ist als nur ein Hobby für dich? Kannst du uns deine Entwicklung vom Beginn bis heute skizzieren? 

Die Liebe zur Malerei ist sicherlich in meiner Kindheit geweckt worden, und zwar zum einen von einer Lehrerin in der Grundschule, die mit einem Künstler verheiratet war und uns Kindern Zeichen- und Malunterricht erteilt hat. Und zum anderen von dem bekannten deutschen Künstler Erwin Hegemann (gilt als einer der besten Porträtmaler Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg), der für mich eine Vorbildfunktion ausgeübt und mit seiner Familie nur einen Steinwurf von meinem Elternhaus gewohnt und gearbeitet hat.

Die Kunst ist dann immer ein Teil von mir gewesen, jedoch hat ein anspruchsvolles Berufsleben im Vordergrund gestanden. Und ehrlich gesagt, hat mir der Mut gefehlt, die Kunst zu meinem Broterwerb zu machen.

Erst mit der Pensionierung habe ich einen 2-jährigen Studiengang an einer freien Kunstakademie bei Matthias Kroth und Dagmar Wassong absolviert, beides Dozenten mit akademischer Ausbildung, und mir ein Atelier eingerichtet, was schon immer mein Traum war…

Du warst viele Jahre als Alpinistin unterwegs. Wie hat diese Erfahrung deine künstlerische Perspektive und deine Beziehung zur Natur beeinflusst?

An einem Gipfelkreuz habe ich das Zitat „Die Berge sind schweigende Lehrer“ (Reinhold Stecher) gelesen. Diese wenigen Worte bringen es auf den Punkt: Demut und Respekt, Geduld, Leidenschaft und Durchhaltevermögen  haben sie mich gelehrt,  die hohen Berge und Wände. Meine eigenen Grenzen zu erkennen und auch den Mut zur Umkehr zu haben. Diese Eigenschaften prägen mich auch in meiner künstlerischen Tätigkeit.

Wie genau machst du die „Ursprünglichkeit und Essenz“ der Natur in deinen Bildern spürbar?

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: dieses Gefühl, mich an einem heißen Sommertag nach einer Bergtour im eiskalten Bergwasser zu erfrischen, versuche ich auf die Leinwand zu bannen. Beim Malvorgang rufe ich diese Emotionen ab und konzentriere mich auf das Wesentliche: köstlich erfrischendes, lebenspendendes klares Wasser!

Was hat dich inspiriert, dich nun auch dem Thema Mythologie künstlerisch zu widmen?

Diese Entwicklung ist aus einem Prozess der inneren Unzufriedenheit heraus entstanden.

Nach den Naturbildern hatte ich schon mit unterschiedlichen Sujets experimentiert. So ist z.B. eine Serie von Tierbildern entstanden. Und dann formte sich in mir der Wunsch nach einem inhaltlich komplexeren Thema, eben der Mythologie. Die Umsetzung hat mich dann allerdings sehr gefordert.

Deine Arbeiten im Bereich der Mythologie verbinden das Abstrakte mit dem Darstellenden. Was fasziniert dich an dieser Schnittstelle und wie entscheidest du, was du auf der Leinwand zeigen möchtest?

Bei der Inszenierung von Figur im Raum erschaffe ich mir zunächst ein collageartiges Konstrukt. Im folgenden Malprozess greife ich in diese Vorlage ein und zerstöre das Konstrukt. Das Faszinierende an diesem unbewussten, intuitiven Prozess ist, dass meine Hand den Pinsel ohne Ratio führt. In diesem Moment tritt alles „Verkopfte“ in den Hintergrund.

In deinem Künstlerstatement heißt es „Und erst das Verdecken macht sichtbar.“ Kannst du uns diesen Gedanken näher erläutern?

Das Fordernde für mich ist, das offensichtlich Dargestellte bzw. Sichtbare in den folgenden Malprozessen zu verfremden. In diesem Spannungsfeld lasse ich Brüche zu. Mein kraftvoller Duktus steht gleichberechtigt neben Farbflächen und figürlichen Elementen. Meine Mythologie Bilder sind nicht einfach zu entschlüsseln. Erst mit der Zeit erschließen sich dem Betrachter die mehrschichtigen Ebenen.

Was würdest du dir wünschen, dass Betrachter:innen deiner Werke sehen oder fühlen? 

Ich bewege mich mit meinen neuesten Werken zwischen Tagtraum, Märchenwelt und Mythologie. Expressive Farben und eindringliche Formen geistern wie Traumwesen als Essenz der Geschichten über die Leinwand.

Es macht mich glücklich, wenn ein Betrachter die Faszination meiner expressiven Bilder zwischen scheinbar chaotischer Anordnung, figürlichen und illustrativen Elementen und zum Teil romantischer Stimmung einfängt.

Deine Malweise ist schnell, intuitiv und mit vollem Körpereinsatz. Was erlebst du emotional und geistig in diesem kreativen Prozess? Gibt es bestimmte Rituale oder Methoden, die du anwendest?

Für manche mag es befremdlich wirken, aber insbesondere zu Beginn eines neuen Werkes tanze ich zu lauter Musik durch mein Atelier. Das hilft mir, meine Muskulatur für den bevorstehenden Malprozess zu lockern und mich mental auf das Motiv einzustimmen.

Zum Beispiel ist bei den Naturbildern eine zügige Malweise essenziell, um die unterschiedlichen Trocknungsstufen der Acrylfarbe nutzen zu können. Das Motiv steht vor meinem inneren Auge und mit dem ersten Pinselstrich bin ich Pinsel und Farbe zugleich, meine Hand führt den Pinsel ohne Ratio. Und wie beim Klettern erreiche in den Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit im Hier und Jetzt. Wenn dieser Zustand endet, fühle ich mich häufig sehr erschöpft.

Gibt es andere Künstler:innen oder Stilrichtungen, die dich inspirieren? 

Während meines Studiengangs haben mir beide Dozenten die Aufgabe gestellt, mich mit dem österreichischen Künstler Herbert Brandl zu befassen. Diese gestische Malerei hat mich sofort fasziniert und auch geprägt.

Aber auch Künstler wie Willem de Kooning, Jackson Pollock, das Unbekümmerte in den Werken eines Jean-Michel Basquiat, die expressive Farbigkeit einer Ruth Baumgarte und last but not least Emil Schumacher als Hagener Künstler, haben mich auf meinem künstlerischen Weg begleitet.

Du arbeitest mit verschiedenen Techniken und Medien. Gibt es derzeit experimentelle Ansätze oder Techniken, mit denen du dich beschäftigst oder die du in Zukunft gerne weiter erforschen möchtest?

Da möchte ich Picasso zitieren: 

„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet“.

Ich hoffe, meine ausgeprägte Neugierde wird mich auch in Zukunft begleiten und mich unbeeindruckt von Rückschlägen weiterhin kreativ, experimentell und künstlerisch zu neuen Projekten führen.

Träume, Ziele, oder anstehende Projekte für die Zukunft? 

Für das Jahr 2024 plane ich überregionale Ausstellungen und –wenn möglich – möchte in an Kunstmessen in Deutschland und der Schweiz teilnehmen, um meinen Bekanntheitsgrad zu vergrößern.

Vielen Dank, liebe Helga!

 

Oktober I 2023